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Die Kreuzwegstationen von Herschbach

Text: Günther Faber

 

Historisch hat der Kreuzweg seinen Ursprung im Heiligen Land. Der Leidensweg Jesu, die Via Dolorosa in Jerusalem, dient als Vorbild dieser Andachtsform. Da es nicht für alle Christen möglich war, das Heilige Land zu besuchen, baute man in Europa Nachbildungen des Kreuzweges. Meist war es ein Weg auf einen Berg hinauf, der von bildlichen Darstellungen der 14 Stationen gesäumt wurde.

 

Die Laurentiusallee und die Kreuzwegstationen von Herschbach wurden am 19. September 1886 eingeweiht. Vorher verlief der Weg von Herschbach zum Friedhof rechts der Allee durch das Tal und hatte viel ältere Stationen.

Die Stationen sind aus massiven, gebrannten Ziegelsteinen errichtet worden. Die äußeren Maße betragen in der Breite etwa 2,30 Meter, in der Höhe bis zur Giebelspitze 2,70 Meter und in der Tiefe 1,50 Meter. Nach vorne ist das Gebäude offen und mit einem etwa einem Meter hohen eisernen Gitter versehen. Die Vorder- und Rückfrontfront wird jeweils rechts und links von einem quadratischen Eckpfosten dominiert, auf denen eine Art Tudorbogen ruht, der das Dach trägt.

 

Als Tudorstil bezeichnet man in der englischen Baukunst die letzte Periode des Gotischen Baustils während der Herrschaft des Hauses Tudor 1485 – 1603. Charakteristisch ist die gedrungene, abgerundete Form des gotischen Spitzbogens. Im Historismus des 19. Jahrhunderts wurde der frühere Tudorstil wieder aufgegriffen. Da die Errichtung der Kreuzwegstationen in diese Zeit fällt, kann man davon ausgehen, dass der Erbauer diesen Baustil hier wieder verwendet hat. Auch die Bogenstirn ist im oberen Teil aus Ziegelsteinen gemauert und fügt sich harmonisch in die Eckpfosten ein. Darunter befindet sich ein in schwarzen Buchstaben geschriebene Aufschrift der jeweiligen Station auf weißem Untergrund. Auch das Gewölbe und das Dach nehmen ebenfalls die Form des Tudorbogens wieder auf.

Foto: Kreuzweg Herschbach, Günther Faber
Foto: Kreuzweg Herschbach, Günther Faber

Die Bogenlaibung im Inneren ist mit blauen Mosaiksteinen verziert und mit regelmäßig angeordneten gelben Mosaikrauten versehen, die den Sternenhimmel symbolisieren sollen. Dieser grenzt sich mit einer schwarz- weißen Bordüre von den Wänden ab. Die inneren Seitenwände und Rückseite sind mit weißen Mosaiksteinen verkleidet. Eine umlaufende Bordüre aus blauen und weißen Mosaiksteinen ziert in halber Höhe die Wände. In der Mitte der Rückwand dominiert ein etwa 50 cm mal 70 cm großes, farbig eingerahmtes Relief mit der jeweiligen Szene des Leidensweges Jesu, das in die Wand eingelassen und durch eine Glasscheibe geschützt ist. Das Dach ist mit Naturschiefer gedeckt, auf dessen vorderen Spitze ein kleines eisernes Kreuz angebracht ist. Zur Straße hin führt ein kurzer Pfad aus Pflastersteinen.

 

Die 14. und letzte Station befindet sich unmittelbar links des Einganges der Friedhofsmauer. Die Kreuzwegstation unterscheidet sich von den anderen Stationen durch ihr Ausmaß und Gestaltung. Sie ist wesentlich größer und aus unregelmäßigen Natursteinen gemauert. Die groben Steine im Inneren sind weder verputzt noch mit Mosaiksteinen versehen. Einzig die Dachkonstruktion weist wieder die Form eines Tudorbogens auf. Das Reliefbild mit der Grablegung Jesus ist an der Rückwand angebracht. Das Gesamtwerk mutet eher an wie eine Grotte oder eine Höhle. Vermutlich hat der Baumeister sich in Anlehnung an der historischen Überlieferung orientiert. Dort heißt es im Evangelium Matthäus Kapitel 27: „Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch und legte ihn in sein Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes“.

Foto: Kreuzweg Herschbach, 14. Station, Günther Faber
Foto: Kreuzweg Herschbach, 14. Station, Günther Faber

Die architektonische Gestaltung wie auch die handwerkliche Ausführung der Kreuzwegstationen zeugen von einem meisterlichen Können. In der Geschichtsschreibung Herschbachs habe ich leider keinen Baumeister eruieren können, ebenso keinen Auftraggeber oder einen Nachweis über die Baukosten. Dennoch sind die Stationen für unsere Gemeinde von erhaltenswerter kultureller Bedeutung und deshalb ein zu schützendes Kleinod. Einige Herschbacher Bürger nehmen sich der Pflege in lobenswerter Weise an. Die Bürger Herschbachs können stolz auf ihren Kreuzweg sein.