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Eine Hochzeit im Kriegsjahr 1945

Der Bericht von Günther Faber über „Eine Hochzeit im Kriegsjahr 1945“ versetzt uns in die apokalyptische Zeit des zweiten Weltkrieges und der nachfolgenden Jahre, geprägt von Angst, Hunger, Vertreibung, Gefangenschaft, geprägt von unermesslichem menschlichen Leid. Wie kann man sich ein menschliches Leben in diesen Zeiten voller Entbehrung vorstellen?

Günther Faber kam 1951 auf die Welt, sechs Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Sein bewegender Bericht zur Hochzeit seiner Eltern Hildegard und Karl Faber stützt sich auf Erzählungen seiner Mutter, der Großmutter und seiner älteren Geschwister. Die angefügten Dokumente und Bilder entstammen aus dem Nachlass unserer Familie. Historische Anmerkungen sind den öffentlich zugänglichen Medien entnommen. (JK)

 

Eine Hochzeit im Kriegsjahr 1945

von Günther Faber

 

Zu Beginn des zweiten Weltkrieges wurde unser Vater im Alter von neunzehn Jahren zum Militär eingezogen, nahm zunächst am Frankreichfeldzug teil und wurde anschließend an der Front in Russland eingesetzt. Zum Kriegsende geriet er in russische Gefangenschaft und kehrte erst nach etwa fünf Jahren wieder in die Heimat zurück. Unsere Mutter wurde nach der Schulzeit in den BDM (Bund Deutscher Mädel) verpflichtend aufgenommen. Die Mädels sollten zu starken Frauen erzogen werden und später als Mütter wieder eine Generation der Härte und Stolzes großziehen. Danach erfolgte ihre Eingliederung in den Reichsarbeitsdienst fast ausschließlich in der Landwirtschaft - Garten- und Feldarbeit, Haushalt, Beaufsichtigung von Kindern -. Er diente vor allem der Erziehung und der Arbeitsmoral nach dem Motto: „Arbeit für Dein Volk adelt dich selbst“. Im Krieg hatte der Vater in seiner Einheit einen Soldaten kennengelernt, woraus sich eine kameradschaftliche Freundschaft entwickelte. Der Kriegskamerad stammte aus Herschbach. Er war „dat Schlemmer`sch Juppchen“, aus einer Herschbacher Familie stammend.

Er hatte unserem Vater von seinem Dorf im Westerwald und eines Tages auch von einem jungen, attraktiven Mädel aus der Nachbarschaft erzählt. Sie entschlossen sich, beim nächsten Heimaturlaub von der Front gemeinsam nach Herschbach zu kommen. Heimaturlaub, auch Fronturlaub genannt, erhielt ein Soldat, der im Krieg an der Front kämpfte. Gründe dafür waren Familienfeste, Heirat, Krankheiten und Verletzungen. Wie die beiden es geschafft haben, gemeinsam in den Urlaub zu gehen, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Aus Urkunden unseres Vaters ist ersichtlich, dass er mehrmals verwundet und dafür ausgezeichnet wurde. Wahrscheinlich war das einer der Gründe für den Heimaturlaub. Sicherlich steckte auch Kalkül dahinter: Der Fronturlaub sollte einerseits die Laune des Soldaten und andererseits das Regenerationsbedürfnis heben sowie den familiären Zusammenhalt stabilisieren. Viel mehr noch war es aber auch ein Mittel der Bevölkerungspolitik. Wer sollte denn sonst für Nachwuchs sorgen, wenn die jungen Männer an der Front waren? Die nationalsozialistisch propagandistische Beeinflussung legte gar den Soldaten nahe, Nachwuchs zu zeugen für den Fall des Todes, dass er in der Erinnerung seiner Frau und im Wesen seiner Kinder weiterlebte. Jedenfalls ist es dann dazu gekommen, dass die beiden, „Schlemmersch`Jupp“ und unser Vater, den Fronturlaub in Herschbach verbrachten. Drei Gründe sprachen wohl dafür: Das junge Mädel aus der Nachbarschaft, die Bombardierung vornehmlich der Städte und weniger der Dörfer, und die relativ bessere Versorgung mit Lebensmitteln durch die eigene Landwirtschaft auf dem Lande. Dabei muss es dann auch zu dem ersehnten Zusammentreffen unserer Eltern gekommen sein. Die Verbindung hatte trotz wiederkehrender Trennungen durch den Krieg gehalten. Im Februar 1944 versprachen sich unser Vater und das „junge Mädel“ aus Herschbach die Hochzeit und gaben dies bekannt.

Damals war es üblich, innerhalb etwa eines Jahres nach der Verlobung zu heiraten. Und so dauerte es nicht lange, bis man das Aufgebot am Standesamt in Herschbach bestellte. Dazu bedurfte es allerdings für eine Eheschließung die Erlaubnis des militärischen Vorgesetzten.

 

Knapp ein Jahr später im Januar 1945 gingen unsere Eltern vor dem Standesamt und dem Traualter in Herschbach den Bund der Ehe ein. Unsere Mutter traditionell in Weiß, und unser Vater in Uniform, wie es für Kriegsteilnehmer damals üblich war. Dazu mussten die gesamte Hochzeitsgesellschaft die im Dezember 1944 von feindlichen Fliegerangriffen zerstörte Holzbachbrücke über provisorische Holzstege überwinden, und dies bei Eis und Schnee.

Bei genauerer Betrachtung des Bildes kann man erkennen, dass unsere Mutter ihren rechten Unterarm unter dem Brautschleier verbirgt, da man ihn eingegipst hatte. Kurz vor der Hochzeit gab es Fliegeralarm und man musste Schutz im Keller suchen. In der Eile war sie dabei die Treppe heruntergefallen und hatte sich den Arm gebrochen. Niemand konnte wissen, dass das Kriegsende in nur wenigen Monaten bevorstand. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal und die Mangelversorgung ebenfalls. Mit Lebensmittelmarken wurden die Lebensmittel rationiert. Der Schwarzmarkt untereinander blühte. Wer damals Erzeugnisse, die zum lebenswichtigen Bedarf der Bevölkerung - u.a. Nahrungsmittel - beiseiteschaffte, hatte schwere Strafen zu erwarten. Vor allem das „Schwarzschlachten“ im großen Stil konnte die Todesstrafe bedeuten. Dennoch – so weiß ich es aus Erzählungen der Mutter – wurde die letzte Ziege der Großeltern geschlachtet. Die Großeltern hatten die Landwirtschaft bereits aufgegeben, hielten für den Eigenbedarf eine Ziege, ein paar Hühner und Karnickel, ebenso bauten sie Gemüse und ein paar Kartoffel an. Im Ort soll es damals einige Familien gegeben haben, die sich eine Ziege hielten. Eine der Familie aus der „Hennergass“ soll wohl auch den für die Ziegen zuständigen Bock besessen haben. Dementsprechend soll es dort manchmal gestunken haben. Das Fleisch größerer Schlachttiere musste auf staatliche Anordnung beim Bürgermeister zur Weiterleitung an die Wehrmacht abgegeben werden. Dann bekam man nach Feststellung des Gewichtes einen Teil des Fleisches für den Eigenbedarf zugeteilt. Bei der Hochzeit unserer Eltern soll die Ortspartei NSDAP ein Auge zugedrückt und die geschlachtete Ziege größtenteils den Großeltern überlassen haben. Schließlich war man: „Stolz, dass ein Soldat von der russischen Front eine Herschbacherin heiratete“. Im Keller des Hauses wurde die Ziege, vor den Blicken Fremder geschützt, zerlegt und verarbeitet. Die unmittelbaren Nachbarn waren eingeweiht und auch an der Schlachtung beteiligt. Es sollen der Schreinermeister „Gräwersch Johann“ und der „Hawerklos“ gewesen sein. Es war wohl mühsam, da der Keller nur eine Höhe hatte, in der man nicht stehen konnte. Die Schlachtung selbst soll der „Riese Schorch“, damals noch Metzgergeselle, durchgeführt haben. Ein Festessen ohne ein paar Flaschen Wein wäre aber undenkbar gewesen. Und so gab es ein paar „Kerle“ im Ort, die den Wein „organisiert hatten“, was immer das auch geheißen haben mag. Die Hochzeitsfeier muss dann wohl den Umständen entsprechend gut verlaufen sein. Ziegenfleisch war ja nicht jedermanns Sache. Vielleicht hatte der Wein aber ein wenig darüber hinweggeholfen. Der Vater musste wieder an die Front und geriet bei Kriegsende in russische Gefangenschaft.

Der erste Sohn wurde im Oktober 1945 geboren. Unser Vater sollte ihn mit fünf Jahren zum ersten Mal nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft zu sehen bekommen. Über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hatte die Mutter erfahren, dass der Vater den Krieg überlebt hatte und in russische Gefangenschaft geraten war. Lange Zeit wusste sie aber nicht, wo er war. Und wieder verhalf ihr ein Zufall, das Gefangenenlager ausfindig zu machen. Wieder einmal kam ein Herschbacher junger Mann ins Spiel. Es war der „Antweiler`sch Franz“. Im Lazarett des Gefangenenlagers hatte der Vater ihn kennengelernt. Er erzählte ihm, dass er mit der Hildegard Herbst verheiratet ist. So entwickelte sich eine weitere Freundschaft in der Kriegsgefangenschaft. Heimlich schmiedeten sie zunächst einen Plan für die Flucht. Nach reiflicher Überlegung entschied sich unser Vater dann doch dagegen. Er hatte ja eine junge Familie zuhause, für die er die Verantwortung trug. Das Risiko erwischt zu werden und dabei zu Tode zu kommen, war zu groß. Der Antweiler`sch Franz war damals unverheiratet. Sollte ihm die Flucht gelingen und unser Vater aus der Gefangenschaft zurückkehren, so versprach er, bei der Geburt eines weiteren Kindes die Patenschaft zu übernehmen. Eines Tages gelang ihm doch die Flucht und erreichte unter großen Strapazen seinen Heimatort Herschbach. Nach der Rückkehr unseres Vaters löste er sein Versprechen ein und wurde „Patten“ unserer Schwester Hilde.

Unsere Mutter mit unserem ältesten Bruder Karlheinz
Unsere Mutter mit unserem ältesten Bruder Karlheinz

Durch die erfolgreiche Flucht hatte unsere Mutter den Ort der Gefangenschaft unseres Vaters erfahren und postalisch Kontakt mit ihm aufnehmen können. So konnte sie wenigstens ein Foto von sich und seinem kleinen Sohn in die Gefangenschaft schicken.

 

Damit es nicht verloren ging, hatte sie es vorsichtshalber mit ein paar Stichen an den Brief angenäht. Es war wohl der einzige Trost und auch die Hoffnung für unseren Vater, wieder einigermaßen gesund nachhause zu kommen. Nach der Rückkehr in die Heimat war er von den Strapazen gezeichnet und kränklich geblieben. Hinzu kam, dass er die ersten Jahre im Steinbruch Herschbach schwere Arbeit verrichten musste. Letztendlich war er zwar nicht im Krieg, aber an dessen Folgen im Alter von 45 Jahren gestorben. Er hinterließ eine Familie mit sechs Kindern. Eine formale Anerkennung als Kriegerwitwe und somit ein besserer Rentenanspruch war unserer Mutter nicht zuteilgeworden. Von nun an musste sie uns Kinder mit ihrer kärglichen Rente alleine durchbringen, was sie schließlich auch geschafft hatte.